Rückkehr nach Fischmund

Eines der schönst aufgemachten Bücher, an denen ich mitwirken durfte, ist jüngst in der EDITION CL erschienen. In hochwertiger Ausstattung mit Goldprägung auf dem Buchrücken, Schutzumschlag und Lesebändchen, signiert von dem Illustrator Jörg Neidhardt und mir und einer Faksimile-Signatur des leider im letzten Jahr verstorbenen Malte Schulz-Sembten, mit dem mich eine über zwanzigjährige Freundschaft verband. Ohne unsere Freundschaft, die keinesfalls Gleichklang in literarischem Schaffen bedeutete, wäre dieser Roman sicherlich nie entstanden.

Wenn ich heute »Fischmund« lese – und das nach über zwanzig Jahren das erste Mal wieder, befällt mich Wehmut. Es waren stürmische, aber auch äußerst kreative und hoffnungsvolle Zeiten, in der der Roman entstand. Vor allem war ich über zwanzig Jahre jünger. Malte lag damals, 1994, im Krankenhaus, sehr lange, schmerzvolle Wochen, aber ich wage zu behaupten, dass ihn die Arbeit an diesem Roman zumindest die Langeweile hat vergessen lassen.

Da ich neben dem Schreiben auch noch einen Hauptberuf als Texter und Konzeptioner hatte, konnte ich kaum mit Maltes damaligen Arbeitseifer mithalten. Alle paar Tage erreichte mich ein dickes Bündel weiterer handgeschriebener Manuskriptblätter. Meistens mit kleinen Zeichnungen von »Frosch-Fressen« verziert. Manche der Briefe kamen direkt aus »Innsmund«, wie wir »Fischmund« in einer ersten Manuskriptversion genannt hatten.

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Natürlich hat es uns unbändigen Spaß gemacht, einige gemeinsame Bekannte in dem Roman zu verbraten. So den Horror- und Comiczeichner Rainer Engel, der bei uns Rainer Zadok heißt. Als wir hoffnungsvoll das Manuskript Michael Schönenbröcher, dem verantwortlichen Redakteur der DÄMONEN-LAND-Reihe bei Bastei Lübbe schickten, entwarf Reiner Engel für uns sogar ein passendes Titelbild, das wir gleich mitschickten.

Obwohl ich damals schon einige Heftromane veröffentlicht hatte, also kein Greenhorn mehr war, kommt mir unsere damalige Euphorie im Nachhinein ziemlich naiv vor. Denn »Fischmund« erfüllt nun sämtliche Gesetze eines Romanheftes – nicht. Es fehlt in der ersten Hälfte jegliche Actionhandlung. Stattdessen hangelt sich der Ich-Erzähler wie in einem Computerspiel allmählich im Haus und in Fischmund vor und stößt auf immer mehr Geheimnisse, wovon wiederum nicht jedes am Ende gelöst wird bzw. nicht immer ganz klar ist, was er denn nun geträumt hat und was nicht. Auch die etwas – nun ja – gewöhnungsbedürftige Aussprache Rainer Zadoks hätte uns jeder verantwortungsbewusste Romanheft-Lektor gestrichen. Und ganz unmöglich ist natürlich auch der Part, in der Zadoks Rede nacherzählt wird, der wichtigsten Regel in jedem Schreibkurs widersprechend: Show, don’t tell!

Ich habe den Roman für die vorliegende Veröffentlichung nur behutsam überarbeitet und ihn der heutigen Zeit angepasst. So habe ich die Namen modernisiert und lasse den Roman auch in der heutigen Zeit spielen. Okay, bei einer Sache habe ich mich dann doch nicht entschließen können, sie zu ändern: Damals gab es noch keine Handys. Für Autoren ideal, konnte man doch Hilfe nur mit dem Festanschluss zu Hause oder in einer Telefonzelle herbeirufen. Heutzutage behelfen sich schlaue Autoren damit, ihre Helden und Heldinnen in ausweglosen Situationen betonen zu lassen, dass es kein Netz und somit keinen Empfang gibt. Damals war es halt so, dass unsere Protagonisten vergeblich nach einer Telefonzelle Ausschau halten. Die waren damals übrigens noch gelb. Und Navis gab es natürlich auch nicht – es wäre eine sehr reizvolle Pointe gewesen, wenn der Ich-Erzähler das Örtchen Fischmund in sein Navi eingegeben hätte – und eine quäkende Froschstimme hätte ihn dorthingeleitet. So aber sucht er vergeblich in seinem Straßenatlas.

Blasphemisch, unbeschreiblich, unfasslich, grenzenlos, unvorstellbar – all diese Adjektive, die eine typische Lovecraft-Story ausmachen, fehlten bei uns genauso wenig wie das unerbittliche Ende, auf das der Erzähler letztlich und unausweichbar zutorkelt …

Warum aber hat es so lange gedauert, bis dieser Roman überhaupt das Licht einer Veröffentlichung erblickte? Möglichkeiten hätte es genug gegeben, aber Malte war zu Lebzeiten der Ansicht, es wäre zu viel Arbeit, den Roman zu redigieren. Zumal eine Veröffentlichung ja nur im kleinen Rahmen und damit für eine sehr kritische Phantastik-Leserschaft möglich gewesen wäre. Eine Heftreihe, in der man eigenständige Romane hätte veröffentlichen können, gab es ja seit dem Ende der DÄMONEN-LAND-Reihe nicht mehr. Und je mehr Zeit verging, nun, umso penibler ging Malte generell an seine Arbeiten heran, umso unnachgiebiger wurde sein eigener Anspruch. Dagegen fand ich immer, dass »Fischmund« in dieser damals vorliegenden Version durchaus repräsentabel war und ist.
Insofern möge mir Malte (sollte er mich hören) verzeihen. Aber »Fischmund« ist einfach zu schade, um in irgendwelchen Schubladen dem Vergessen anheimzufallen.
Insofern danke ich Robert N. Bloch für die Suche nach dem (verschollen geglaubten) Manuskript in Maltes Nachlass, Maltes Bruder Konrad für die Erlaubnis, den Roman zu veröffentlichen und Eric Hantsch dafür, dieses Wagnis nicht nur aufzunehmen, sondern das Werk in der denkbar schönsten und prächtigsten Version zu präsentieren.

Betrachtet »Fischmund« also als durchaus lesenswertes Dokument an – als Dokument eines vergangenen Jahrzehnts, als die Horror-Fabrik noch allen offenstand, die Zukunft himmelblau und rosa schien und die Hoffnungen und Träume entsprechend in den Himmel wuchsen.

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Loriots Gästebuch

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Es gibt zwei große Deutsche, die jeder kennt und die über jeden Zweifel erhaben sind: Der eine heißt Helmut Schmidt, und der zweite Loriot. Loriot ist vor zwei Jahren gestorben, und seitdem habe ich das Gefühl, dass da eine große Leichenfledderei im Gange ist. Loriot wusste, dass weniger mehr war, und so erschien in den letzten drei Jahrzehnten nur spärlich etwas Neues: Meist handelte es sich um Verstreutes, Gesammeltes oder Fragmentarisches. Insofern passt auf den ersten Blick auch dieses Gästebuch in die Reihe. Hauptsächlich in den Jahren 1957 bis 1963 lichtete Loriot seine Gäste ab. Zumeist vor dem immer gleichen Vorhang und einer Säule als Requisit. Das hört sich originell an, ist es auch, wenn man es für den Privatgebrauch anfertigt und – wie der Gastgeber zeit seines Lebens – in einer Schachtel verwahrt und höchstens im Bekannten- und Familienkreis herumzeigt.

Dass diese privaten Schüsse nun an die Öffentlichkeit gezerrt werden, hätte Loriot nie geduldet. Dazu sind sie einfach zu uninteressant. Die meisten der Abgebildeten kenne ich nur als Insider. Als Zeitdokument ist die Mehrzahl der Fotos zu privat. Das Posing derjenigen, die es vor der Kamera gewohnt waren (Schauspieler wie Walter Giller oder Horst Buchholz) wirkt angestaubt. Das Posing der anderen (Autoren, Kollegen, Verleger) wirkt meist übertrieben „kreativ“ (Tomi Ungerer mit bloßem Oberkörper). Am ehrlichsten sind die Fotos von Verwandten und weniger prominenten Bekannten. Sie schauen hölzern bis schüchtern in die Kamera. Manchmal scheint es ihnen sogar unangenehm. All diese Fotos als Loriots erste „Gehversuche bei der Inszenierung von Alltäglichem“ zu bezeichnen, erscheint mir übertrieben. Dagegen sollte man den Hinweis, dass es sich nicht um ein originäres Werk handelt, sondern um nachgelassene Materialien, ganz dick auf den Buchdeckel schreiben. „Zum besseren Verständnis des Vicco von Bülow“, wie Peter Geyer im Vorwort behauptet, tragen sie leider nicht bei.

Der mächtige Hornbach-Hammer

Ich habe einen! Was heißt einen? Ich habe IHN: Aus echtem Panzerstahl. In Deutschland geschmiedet und veredelt. 500g Hammerkopf. Stiel aus Hickory-Holz. Was sich so martialisch anhört, ist es auch und wird werbetechnisch auf die Spitze getrieben mit Sprüchen wie: „Der Hammer in Deinen Händen. Die Welt zu Deinen Füßen“. Wäre Goebbels Werbetexter gewesen, solch ein Spruch hätte auch aus seiner Feder stammen können. Natürlich kommt solch ein Hammer nicht einfach nackt daher: Eingebettet in einem stylishen, mit Hochglanzeffekten veredeltem Pappkarton, kann man auf der Rückseite „Der Weg des BMP-1 zu einem HORNABCH HAMMER aus echtem Panzerstahl“ verfolgen (man merkt schon: die Sache mit dem Panzer wird uns hier mit dem Holzhammer eingebläut!). Die Skizze sieht aus wie eine Feldkarte von Stalingrad. Fünf beigelegte Postkarten dokumentieren diesen Weg zudem fotografisch. Und für den, der es bis dahin noch nicht begriffen hat, liegt ein gigantisches Tuch bei: Mit Zeichnung und abermals markigen Werbeworten: „Geboren aus Panzerstahl. Gemacht für die Ewigkeit.“ Wer da nicht schwach wird!
Ob ich mit dem Hornbach-Hammer besser hämmern kann, weiß ich nicht, aber zuschlagen lässt es sich damit bestimmt besser. Der sogenannte Hammermörder Norbert Poehlke hätte seine Freude daran gehabt (und dabei hat er nur Scheiben mit dem Hammer eingeschlagen, nicht etwa die Köpfe seiner Opfer). Dennoch: Das Internet ist voll von echten Hammermördern! Insofern könnte der Hornbach-Hammer da schnell mal zweckentfremdet wären. Frei nach dem Motto: „Der Hammer in Deinen Händen. Die Leiche zu Deinen Füßen“.

Ich zähle täglich meine Leichen (3)

Okay, den ersten Toten von der heutigen BILD-Titelseite kann man nicht mehr toppen: „Mann vom Mond im Meer bestattet!“ Das hat wahre Größe, und ein Hauch Geschichte weht uns entgegen!
„8 Frauen bei Nato-Angriff getötet“ wird gleich nebenan getitelt, und man erfährt so ganz nebenbei im Kleingedruckten, dass bei dem Angriff aber auch „45 Aufständische“ getötet wurden. Wie immer man den Begriff „Aufständische“ in NATO-Kreisen auch definieren mag.
Zu den 54 Toten auf der Titelseite kommen nur 7 weitere Leichen im gesamten Innenteil hinzu. Hat da jemand geschlafen? Da ist ja fast noch interessanter, dass William den Fotograf, der seine Kate nackt erwischt hat, „hinter Gittern sehen“ will. Das hat doch was! Ein Schuss Rambo und Clint Eastwood gleichermaßen. Wer weiß, ob es da nicht auch noch Tote geben wird! Gesamtbilanz der heutigen BILD: 64 Leichen und ein Prinz, der vielleicht demnächst auf Fotosafari gehen wird: Mit dem Jagdgewehr!

Experimente an lebenden Untoten

So lautet der Titel des Heftes Nr. 5 von Jörg Herbigs Grusel-Reibe FLEDERMAUS. Ehrlich gesagt lässt mich diese Nummer ein wenig ratlos zurück, wenngleich der Inhalt sehr stimmig ist. Das beginnt bei dem „Betreten verboten“-Signet auf der Einführungsseite, setzt sich fort bei seltsam obskuren „Datenblättern“ und Zeichnungen, Lieferscheinen, Protokollen und Traumtagebüchern, und selbst die Aufmachung mit grobem Bindfaden anstelle von Klammern ist in diesem Falle irgendwie passend. Die einzelnen Fragmente bilden in der Gesamtheit allerdings wiederum nur ein Fragment, das allenfalls Assoziationen, viele Fragezeichen und im besten Fall ein vorübergehendes Gefühl der Verstörung bewirkt. Das gesamte Material hätte ich mir als Anhang eines längeren Textes gewünscht. So bleiben nur wenige Stücke eines größeren Puzzles, die man ein wenig irritiert in Händen hält.

Das FLEDERMAUS-Zine ist keine Veröffentlichung im Sinne des Presserechts, sondern ein Rundbrief an Freunde.. Zu bestellen ist das Heft hier:
http://fledermaus-zine.jimdo.com/

Die winzige Fledermausschnitzerei ist übrigens auch von Jörg Herbig! Sie gehört nicht zum Heftumfang.

Ich zähle täglich meine Leichen! (1)

Da kaufe ich heute die BILD, und nix ist da mehr mit Blut und Tod und Mord und Totschlag! Bis einschließlich Seite 5 zähle ich mal gerade eine einzige Leiche – und die findet sich in der TV-Krimi-Vorschau „Tote lügen besser“. Stattdessen ein bisschen Empörung über Paparazzi-Fotos von Kate, darüber, dass Bohlen Gottschalk den Vogel zeigt, Sex-Tipps von Doktor Hirschhausen und weiteres Gedöns. Erst auf Seite 6 zähle ich weitere Tote: In Zusammenhang mit den „Killer-Nazis“ werden einmal mehr ein erschossener Betreiber eines Internet-Cafés erwähnt und die neun Migranten- und der eine Polizistenmord, den das Trio zu verantworten haben soll (man muss sich ja immer vorsichtig ausdrücken). Dazu auf derselben Seite BILD-Berichte über die „Folter-Hexe“ Maria K., die zwei Frauen zu Tode quälte, sowie den „Macheten-Mörder“, der in Guatemala zwei Kinder tötete, bevor er vom Mob bei lebendigem Leib verbrannt wurde. Das war’s dann aber auch schon!! In der ganzen zweiten Hälfte nicht ein einziger Toter, so dass ich gerade mal auf magere siebzehn Tote komme!, davon, wie gesagt, eine TV-Toter und die Opfer der Nazibande, die schon oftmals erwähnt wurden. HALT: Übersehen habe ich auf Seite 3 einen Bericht über den „Todes-Raser“, der zwei Mädchen auf dem Gewissen hat. Also insgesamt neunzehn Tote. Immerhin …