Gästehaus Seeblick, Allerseelen

Da bin ich wieder. So wie jeden Herbst sitze ich auf der Bank gegenüber und betrachte traurig deinen Untergang. Seitdem die alte Kurklinik nebenan aufgegeben wurde und ebenso wie du leer und trostlos vor sich hindämmert, warst auch du nicht mehr rentabel. Durch die fast kahlen Äste betrachte ich deine bröckelnde Jugendstilfassade, die sich aus dem Teppich aus welkem Laub erhebt.
Früh bricht die Dämmerung herein, unten am verwaisten Kurparksee ziehen die schwarzen Schwäne eine letzte Runde.
Da sehe ich die Bewegung an einem der Fenster im zweiten Stock. Ich erkenne deinen Schatten, und sofort ist er wieder gegenwärtig, jener Augenblick vor dreißig Jahren, als wir uns im Gästehaus das erste Mal begegneten.
Du schaust zu mir herunter und winkst mir zu.
Ich winke zurück, und einen Moment lang sind wir wieder vereint.
So wie an jedem Allerseelentag. Du und ich.
Das Einzige, das uns noch trennt, ist:
dass ich lebe.

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