Konzertbericht: The House of Usher

„Through The Gates Of Oblivian“-Tour
Freitag, 23.10.2015
Forum Bielefeld

Nach Sweet Ermengarde, die sehr melodiösen Rock zelebrierten, und Reptyle, die einen eher brachialen Sound bevorzugen, betraten The House of Usher als letzte Band die Bühne des Forum in Bielefeld und vereinten die positiven Aspekte des bisher Gehörten mit ihren ganz eigenen Interpretationen heutigen Gothic Rocks. Das Forum ist dabei wie geschaffen für die Bands. Gegenüber, durch eine mehrspurige Schnellstraße getrennt, befinden sich ein riesiger Multiplexkinopalast, diverse Systemgastronomien und die ganze Glitzerwelt großstädtischer Vergnügungsindustrie. Zum Forum gelangt man von dort aus über eine Fußgängerbrücke, einen schmalen Schlammpfad vorbei an graffitibesprühten Baracken und Mauern. Hier dringt Licht nur wenig hin, andere Leute würden es als Angstraum bezeichnen. Dann ein langer, hoher Gitterzaun, und man sieht dahinter schon das Forum, das angesichts der Scheinwelt auf der anderen Seite wie eine vertraute Hallig Heimat wirkt.
Vorab: Rock ohne Schlagzeuger, geht das gut? Ja, es funktionierte, dank eingespielter und sehr authentisch wirkender Vorabprogrammierung, wobei der musikalische Fokus eh auf dem beidseitigen filigranen Artilleriefeuer der beiden Gitarristen liegt. Beide, jeder für sich, Urgesteine der Band. Georg Berger ist seit immerhin zehn Jahren dabei und Markus Pick, Bandgründer und mehrmaliger Wiedereinsteiger, prägten den treibenden Sound und stellten erfrischend authentisch unter Beweis, dass es nicht auf einen bestimmten Look ankommt, sondern auf das dunkle Herz, das umso heftiger schlägt. Jörg Kleudgen würde es als Spirit bezeichnen.
Jörg Kleudgen, gewandet im figurnahen Mumienoutfit, verweigert sich seit jeher jeglicher genreüblicher Posen. Auf der Bühne erinnert er mal an Cesare, den Somnambulen aus Dr. Caligari, mal verwandelt er die winzige Bühne zur imaginären Studierstube, wenn er wie Dr. Faustus statt mit seinem Famulus Wagner mit dem Mikrofonständer um Wahrheit ringt.
Letztlich um Wahrheit, bzw. das Ringen um die Fragen und Antworten darum, geht es auch in den Songs, die allesamt nicht aus der aktuellen CD stammen. Technische und personelle Gründe sind dafür sicherlich ein Grund. Letztlich zeigt es aber auch die Konsequenz, mit der The House of Usher den gegenwärtigen Übergangsstatus in der Bandgeschichte nach dem schmerzlichen Ringen dokumentieren. Intern geht der Blick eh wieder nach vorne: mit neuen alten Mitgliedern und dem nächsten ins Auge gefassten Albumprojekt.
Den Auftritt beendeten The House of Usher mit dem umjubelten Cover Transmission von Joy Divsion und unterstrichen damit, woher die Wurzeln jenes Spirits stammen und damit auch das Fundament der Band.
Letztlich lernte auch ich an diesem Abend zwei Dinge.
Erstens: Dass Backstage und auf der Bühne nach wie vor geraucht werden darf, und keine Frage, niemand zelebriert die „Rockender-Gitarrist-auf-der-Bühne-mit-Zigarette-im Mundwinkel“-Pose so lässig und beiläufig wie Georg Berger.
Zweitens: Bleibt die Frage, was, wenn schon nicht die Welt, so doch The House of Usher im Innersten zusammenhält. Es ist das Ringen um Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, das letztlich immer auch schmerzhafte Entscheidungen bedingt, aber unbedingt nötig ist, um Stillstand oder gar Einsturz des Bandgebäudes zu vermeiden. Insofern ist mir nicht bange, dass auch in den nächsten Jahrzehnten am Hause Usher gebaut werden wird. Denn letztlich lautet die Antwort auf die ewig faustische Frage: Es ist die Veränderung, die zählt Jetzt. In jeder Sekunde. In Ewigkeit.
2015-10-23 22.49.38

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