… und scheißen auf die Volksarmee

… heißt ein kleines, empfehlenswertes Büchlein von Ralf Alex Fichtner. Der Autor, bekannter Zeichner und Künstler, Jahrgang 1952, Ossi, wurde 1970 zur Volksarmee eingezogen. Es überrascht zunächst die Detailtreue, mit der sich der Autor erinnert – und dass, obwohl er sich, rechnet man die erzählten Episoden hoch, eigentlich im Dauersuff befunden haben musste. Und davon handelt eigentlich das gesamte Buch: Den Frust der täglichen Langeweile ertränken die Eingezogenen mit Alkohol – und daraus entstehen dann die absurdesten Situationen, die dann auch mal mit Arrest enden. Es wird nicht nur geschissen, es wird gepisst, gekotzt und rumgerüpelt, manchmal bis zur Grenze des Zumutbaren. Aber was heißt angesichts der Wirklichkeit schon zumutbar?
Das Erstaunliche an dem Buch ist, dass es mich, Jahrgang 1959, Wessi, eingezogen zur Bundeswehr 1980, direkt in meine eigene Wehrdienstzeit zurückkatapultiert. Erstaunt raubt man sich als Leser immer wieder die Augen: In Ost wie West, 1970 wie 1980 passierte die gleiche von Staatswegen gedeckte Schikane und Ausbeutung ganzer Jahrgänge junger Menschen. In Ost wie West die gleiche Öde, die gleiche Langeweile, der gleiche Frust, die gleichen Schikanen, die gleichen Ersäufnisse in Alkohol … Nur in einem unterscheiden sich Ralf Alex Fichtner und ich: Ich habe diese Alkoholexezesse meistens nicht mitgemacht. Dafür gab’s dann die passenden Bestrafungen. Zum Beispiel auf diese Art: „In meiner Stube zeigte ein Soldat , im zivilen Leben übrigens ein Russischlehrer, keinerlei Interesse an dieser wahrlich tollen Fête. Ein Chaot warf eine übriggebliebene Schüssel Kartoffelsalat über seinen Kopf an die Wand. Eigentlich hatte er aufs Gesicht gezielt. Trotzdem war der Russischlehrer samt Buch bekleckert …“

Insofern bleibt Ralf Alex Fichtners Text auf seine Art harmlos, kratzt eher an der Oberfläche als wirklich politisch zu werden. Dass der Autor, wie er selbst erkennt, eher Glück gehabt hat, von wirklich drastischen Strafen verschont geblieben worden zu sein., liegt denn auch in erster Linie daran, dass seine Aktionen fast ausschließlich im Suff erfolgten. Eine drakonische Strafe war zum Beispiel „ein halbes Jahr Schwedt“, das damalige für seine Härte berüchtigte Militärgefängnis der DDR. Aber, so Fichtner: „Besaufen konnte sich jeder bis zur Bewusstlosigkeit, nur durfte niemand den Arbeiter- und Bauernstaat und seine Repräsentanten  und Lakaien antasten.“ Auch diese Aussage kann ich, was die Verhältnisse in der Bundeswehr 1980 betrafen, nur unterstreichen. Zumindest „links“ durfte man nicht sein, über den Hitlergruß dagegen, zumal im volltrunkenen Zustand, wurde da schon eher mit mildem Lächeln hinweggesehen.

Hm, zum Ende des Buches wird es dann ein wenig langweiliger: Die immer gleichen Alkoholexzesse, die unweigerlich in irgendeine Katastrophe, Beinahe-Katastrophe oder in der Arrestzelle enden, sind irgendwann nicht mehr auseinanderzuhalten. Das ändert aber letztlich nichts am Lesevergnügen insgesamt.

Übrigens hat Ralf Alex Fichtner es mit 23 ganzseitigen Illustrationen „geschmückt“, und auch auf denen wird hauptsächlich gekotzt und getrunken.

Ach ja: Und noch eines klammert der Autor aus. Sex, Mädchen, Frauen und was es sonst noch so in dieser Richtung gab. Ich meine, wir schreiben immerhin das Jahr 1970! Das war bei uns, 1980, neben dem Alkohol eigentlich DAS Thema.

Also, Ralf, was war damit? Ich wette, da kommt noch was!

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